Schweigen im Team: Was es kostet und was es verrät

Kollegen schweigen vor der Kaffeemaschine

Manchmal weiß die Kaffeemaschine zuerst, was im Team los ist.

Zwei Szenarien: Unterhalten sich dort zwei Personen, die im Meeting davor kein Wort miteinander gewechselt haben, wird endlich geklärt, was schon lange ungeklärt herumlag. Oder: Alle stehen nebeneinander, schauen angestrengt in ihre leeren Becher und warten darauf, dass sie endlich dran sind. Die Kaffeemaschine nimmt die Schwingungen genauso gut wahr wie die Fliege an der Wand.

Schweigen im Team kann vieles bedeuten: konzentrierte Arbeit, Nachdenken, gerade keinen Gesprächsbedarf. Aber es kann auch bedeuten: schwierige Themen vermeiden, Kontakt vermeiden, Dinge nicht ansprechen, die zu heiß erscheinen. Interessant dabei ist immer: Wer schweigt und wer redet? Worüber wird geschwiegen und was darf gesagt werden? Und in welchem Kontext?

Schweigen im Team ist selten Zufall. Es ist fast immer eine Reaktion auf das, was die Struktur erlaubt.

Manche Themen dürfen offiziell nicht verhandelt werden: die Unzufriedenheit mit der Führungskraft, der Zynismus über das Auseinanderklaffen des offiziellen Slogans und der erlebten Realität, die Frage, ob die Entscheidung von oben eigentlich sinnvoll war. Diese Themen verschwinden nicht. Sie finden nur andere Wege: an der Kaffeemaschine, in der Raucherpause, abends beim Bier mit dem Lieblingskollegen. Das ist besser als nichts. Aber es ist auch ein Warnsignal: Wenn wichtige Dinge nur im Informellen einen Platz finden, stimmt etwas im Formalen nicht, es fehlt der Rückmeldekanal.

Gibt es dort keine Resonanz, oder gilt es als zu gefährlich, diese Dinge überhaupt anzusprechen, dann staut sich etwas auf. Manchmal führt das zu individuellen Engpässen: jemand brennt aus oder verlässt die Organisation. Manchmal brechen Konflikte auf, die gar nicht die eigentlichen Themen bearbeiten, sondern sich um Nebenkriegsschauplätze drehen. Das Eigentliche bleibt unsichtbar und wird dadurch nicht kleiner, sondern stabiler.

Kommunikationskultur: Mehr als ein Slogan

Manchmal folgen dann Initiativen zur Kulturveränderung. Neue Werte. Ein frisches Firmenmotto. Workshops über psychologische Sicherheit. Das ist nicht falsch, aber es greift oft zu kurz. Denn Kommunikationskultur im Team besteht nicht aus dem, was an der Wand steht. Sie besteht aus impliziten Gesetzen: Was wird hier belohnt? Was wird bestraft? Was ist besprechbar und was ist ein Tabu, das niemand anfasst, ohne zu benennen warum?

Hinweis: Ich unterscheide hier bewusst zwischen operativen Störungen im Arbeitsalltag, über die ich an anderer Stelle geschrieben habe, und dem strukturellen Schweigen, das sich über Zeit in Teams einschleicht. Beides ist real, aber es braucht unterschiedliche Antworten.

Diese impliziten Gesetze lassen sich nicht per Dekret verändern. Aber sie lassen sich hinterfragen. Und sie lassen sich strukturell beeinflussen: Wenn ich verstehe, welchen Sinn ein bestimmtes Schweigen hat und wen es schützt, dann kann ich fragen, was strukturell anders sein müsste, damit dieses Thema einen sichereren Weg findet. Das ist langsamer als ein Kulturprogramm. Aber es wirkt.

Was Schweigen im Team konkret kostet

Über Zeit werden kleine Irritationen größer und verfestigen sich. Schweigen verhindert Rückkopplung: Wer mit einer Wahrnehmung allein unterwegs ist, hinterfragt sie selten. Erst im Gespräch entsteht die Möglichkeit, die eigene Interpretation zu prüfen, wenn jemand sagt: „Ich hab das ganz anders erlebt.“

Schweigen wirkt manchmal wie Harmonie. Es ist eher wie ein dicker Teppich, der die Geräusche dämmt. Die Geräusche sind trotzdem da. Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass es keine Reibung gibt, sondern dadurch, dass ein Team lernt, wie es Reibung gemeinsam klärt. Wenn das nur im Informellen gelingt, fehlt etwas im Kern. Was passiert, wenn Konflikte sich bereits aufgestaut haben, beschreibe ich hier.

Offene Kommunikation fördern: Drei Fragen, die weiterhelfen

Nicht: sofort ein weiteres Meeting ansetzen. Sondern zunächst ehrlich hinschauen:

  • Worüber darf in unserem Team eigentlich nicht gesprochen werden, und warum?
  • Wer redet, wenn Hierarchie im Raum ist, und wer nicht?
  • Welche Themen kommen immer erst nach dem Meeting zur Sprache? Was sagt das über das Meeting?

Diese Fragen haben keine schnellen Antworten. Aber schon das Stellen dieser Fragen ist ein Anfang und manchmal der wirksamste Schritt, bevor man irgendetwas organisiert oder moderiert. Daher: Teams, die nur im Informellen wirklich sprechen können, haben kein Kommunikationsproblem. Sie haben ein Strukturproblem. Und das lässt sich lösen.

Wie man konkret einen Rahmen schafft, in dem solche Gespräche möglich werden, was dabei zu beachten ist und wie man ein solches Gespräch moderiert, beschreibe ich im nächsten Artikel.